Zum Umgang mit China - wenig Neues
Aktualisiert: vor 1 Tag
Im Rahmen der Asienreise des Bundeskanzlers blieben auch Warnungen vor China nicht aus. Ratschläge zu mehr Selbstbewusstsein gegenüber einem Staat, der den Außenhandel auf unterschiedlichen Ebenen wettbewerbsverzerrend dirigiert und Forderungen nach neuen ‚Strategien‘ gehören zu den erwartbaren Äußerungen. Beides ist alter Wein in alten Schläuchen. Auch die Überlegungen der letzten Bundesregierung waren nicht die ersten. Die eigentliche Frage heißt eher, warum haben, wie die aktuelle Handelsbilanz mit China deutlich vor Augen führt, die seit Jahren diskutierten Ansätze bis heute nicht zu dem erwünschten Erfolg geführt.
Auch wenn es sich in dieser Frage nur um eine Randregion handelt, zeigen verschiedene aktuelle Wirtschaftsprojekte in der MENA- Region mit chinesischer Beteiligung, dass eingängliche Leitsätze wahrscheinlich keine Besserung bringen werden. In Marokko baut die chinesische Gotion High-Tech eine Fabrik zur Herstellung von Akkus für E-Autos[1]. Da diese für Fahrzeuge des Volkswagenkonzerns bestimmt sind, hält das Wolfsburger Unternehmen 49% der Anteile an dem Standort. Marokko bietet aufgrund seiner Zollabkommen mit der EU chinesischen Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit künftige Zollbarrieren zu umgehen. Auch dieses Thema ist, wie in der Vergangenheit die Politik osteuropäischer Staaten, die die Ansiedlung chinesischen Produktionsstätten förderten und damit den Marktzugang zur EU öffneten, zeigte, weidlich bekannt. Also ebenfalls nichts Neues. Was sich jedoch immer wieder zeigt, ist die Fähigkeit chinesischer Unternehmen die sich bietenden Schwachstellen in der ‚Festung Europa‘ zu nutzen. Neben Marokko sind es eine ganze Reihe von Ländern, die dafür in Frage kommen. Allein mit selbstbewusstem Auftreten wird man hier nicht weiterkommen.
In Ägypten finanziert die EU die größte Solarfarm des Landes bei al- Minya über Kredite der Europäischen Entwicklungsbank [2]. Für das Land, in dem zwei Drittel der Menschen unter oder knapp über der Armutsgrenze leben, ist jede Investition wünschenswert. Angesichts der Übermacht Chinas bei Solarpaneels ist es nicht überraschend, dass die Hardware für das Projekt von Shanghai Aiko Solar Energy[3] kommt. Bereits vor einigen Monaten war die EU in die Kritik geraten, weil die Durchführung und damit EU- Gelder bei einem Projekt in Sambia an eine chinesische Firma gingen. Auch hier stellt sich trotz schnell formulierter Kritik die Frage nach den realistischen Alternativen.
Im Oktober gingen die chinesische China Railway Tunnel Group (CRTG) eine Vereinbarung mit einem katarischen Unternehmen ein, bei Infrastrukturprojekten zu kooperieren[4]. Die CRTG gehört zur China Railway Group (CREC). Im Tunnelbau hat diese in China mit dem ebenfalls parteistaatlichen Megaunternehmen China Railway Construction Corporation (CRCC) einen nationalen Konkurrenten. Beide konnten im letzten Jahrzehnt ihre Marktanteile weltweit rapide auf fast 25 Prozent ausbauen, während andere Anbieter, darunter auch eine deutsche Firma, Anteile verloren. Das Beispiel zeigt anschaulich, wie schnell sich Änderungen einstellen, die auch die deutsche Industrie belasten, ganz unabhängig von EU- Zöllen.

Die drei Projekte haben jeweils unterschiedliche Ausgangslagen. Im Fall der Herstellung von Akkus zeigt sich die Vernetzung global handelnder Unternehmen. Beim Aufbau des Solarfeldes kommt auch die EU an den Bauteilen aus der Volksrepublik gar nicht vorbei. Und im Tunnelbau haben sich zwei politisch gestützte Parteistaatsunternehmen zu Weltmarktführern entwickelt, nachdem sie in einem geschützten Inlandsmarkt Muskeln aufbauten.
Fazit: Das Problem für Deutschland heißt nicht fehlendes Selbstbewusstsein oder eine fehlende Strategie – beides gibt es mittlerweile. Das Problem entsteht dadurch, dass die Situation einfach zu komplex ist, als dass sie einfache Antworten erlauben würde und außerdem die Volksrepublik die Bedingungen für eine veränderte Industriepolitik vorgibt. Darauf zu reagieren ist deutlich schwieriger.
[1] https://www.gtai.de/de/trade/marokko/branchen/marokko-wird-groesster-akkuproduzent-in-afrika-1785942
[2] Al Ahram Online: EBRD arranges $265 mln financing for Egypt’s 1.2 GW Minya solar project vom 20. Oktober 2026
[3] https://renewablesnow.com/news/infinity-power-picks-aiko-modules-for-1-2-gwp-egypt-solar-project-1296761/
[4] South China Morning Post. State- owned firm strikes deal with Qatar. 19.Oktober 2026

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